Call for Papers

Vor über 20 Jahren stellte die New London Group (1996) tiefgreifende Veränderungen fest, und zwar bezüglich “three realms of our existence: our working lives, our public lives (citizenship), and our private lives (lifeworld)”. Die Gruppe nahm an, dass diese Veränderungen u.a. durch Prozesse der Globalisierung und des technologischen Wandels hervorgebracht seien und zu einer verstärkten Diversität hinsichtlich folgender Aspekte führten:

  • (Sub-)Kulturen, an denen wir uns beteiligen bzw. mit denen wir in Kontakt treten
  • Identitäten, die wir annehmen und aktiv gestalten
  • Textsorten bzw. Genres und sprachliche Varietäten, die hervorgebracht werden
  • semiotische Ressourcen, auf die wir zur Herstellung von Bedeutung zurückgreifen

Im Hinblick auf aktuelle Migrationsbewegungen, globale Verflechtungen und Digitalisierungsprozesse besitzen diese Beobachtungen mehr denn je Gültigkeit.

Die New London Group schlussfolgerte, dass wir unser Konzept von literacy neu denken sollten, und schlug eine Pädagogik der multiliteracies vor, um Lernende auf die Zukunft vorzubereiten. Insbesondere in der Fremdsprachendidaktik wurde dieser Ansatz auf vielfältige Weise aufgegriffen, z. B. bezüglich audio literacy (Blell & Kupetz 2010), film literacy (Blell et al. 2015), digital literacy (Schildhauer 2015) oder auch in Kombination mit Mehrsprachigkeitsdidaktik (Elsner 2011). Diese Aufzählung ist bei weitem nicht vollständig, illustriert aber einige mögliche new horizons jenseits schriftsprachlicher Texte.

Aktuell mehren sich zudem die Stimmen im fachdidaktischen Diskurs, die auf die Diversität von Lerngruppen, bspw. hinsichtlich Interessen, kultureller Hintergründe, multipler Intelligenzen, Begabungen und anderer Dimensionen, sowie daraus erwachsende Herausforderungen hinweisen (bspw. Doff 2016; Chilla & Vogt 2017).

Wenn wir sowohl die Forderungen der New London Group als auch die jüngeren Ansprüche an das Lehren und Unterrichten in heterogenen Gruppen ernst nehmen, dann besteht die Aufgabe von Lehrenden (in Schule / Universität) in nicht weniger als darin, eine Vielfalt von Lernenden auf eine wachsende Vielfalt in allen Lebensbereichen vorzubereiten, indem sie mit einer Bandbreite unterschiedlicher Inhalte konfrontiert werden. Darin besteht eine zentrale Herausforderung des Lehrens und Unterrichtens von Sprache und Literatur im 21. Jahrhundert.

Forschenden und Lehrenden in den Kultur-, Literatur- und Sprachwissenschaften sowie den Didaktiken drängt sich daher die Frage auf: Inwiefern wird das, was wir lehren (oder für die Lehre empfehlen), diesen Ansprüchen gerecht? Aus dieser Frage folgen aus unserer Sicht einige weitere:

  • Was sind die aktuellen (ggf. versteckten) literarischen Kanones und linguistischen Standards, auf die sich die Lehre an Schule und Universität einstellt?
  • Wie sind diese Kanones und Standards entstanden?
  • Inwiefern sind sie angemessen in Bezug auf die oben beschriebenen Anforderungen?
  • Welche kulturellen Artefakte, die (noch) nicht Teil etablierter Kanones, Standards und Curricula sind, könnten für die Lehre vorgeschlagen werden?
  • Welche Modellierungen von Interkulturalität und Identitätsbildung könnten künftiges Lehren inspirieren?

Neben dieser Fokussierung auf Inhalte halten wir es auch für angebracht, über methodische Gesichtspunkte nachzudenken:

  • Welche Ansätze für das Lehren von Sprache, Literatur und Kultur können generell vorgeschlagen werden, um den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu begegnen?

Wir laden Forschende aller Disziplinen, die sich mit diesen Fragen beschäftigen, dazu ein, Beiträge für einen zweitägigen Intensivworkshop vorzuschlagen, der am 4. & 5. April 2019 stattfinden wird. Folgende Beitragsformate sind möglich:

  • Impulspräsentation 10-15 Minuten Vortrag und 15 Minuten Diskussion
  • Forschungsvortrag 25-30 Minuten Vortrag und 30 Minuten Diskussion
  • Poster, das im Rahmen einer 60-minütigen Vernissage vorgestellt wird

Bitte senden Sie Ihre Vorschläge (max. 300 Wörter) bis 30.06.2018 an peter.schildhauer@uni-bielefeld.de.

Bitte geben Sie an: (1) Titel, (2) Beiträger, deren Affiliation(en) und E-Mail-Adressen, (3) Format, (4) Bibliographie ausgewählter Titel (max. 5), (5) Kurzbiographie des/der Beiträger (25-100 Wörter).

Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge und auf einen produktiven Workshop!

Peter Schildhauer | Jochen Sauer | Anne Schröder

 

Literatur

Blell, G., Grünewald, A., Kepser, M., Surkamp, C. (2016) (eds.). Film in den Fächern der sprachlichen Bildung. Baltmannsweiler: Schneider.

Blell, G. & Kupetz, R. (2010) (eds.). Der Einsatz von Musik und die Entwicklung von audio literacy im Fremdsprachenunterricht. Frankfurt a.M.: Peter Lang.

Chilla, S. & Vogt, K. (2017) (eds.). Heterogenität und Diversität im Englischunterricht. Frankfurt a.M.: Peter Lang.

Doff, S. (2016) (ed.). Heterogenität im Fremdsprachenunterricht. Tübingen: Narr Francke Attempto.

Elsner, D. (2011). Developing Multiliteracies, Plurilingual Awareness and Critical Thinking in the Primary School Classroom with Multilingual Virtual Talking Books. Encuentro Journal, 12, pp. 27-38.

Schildhauer, P. (2015). Blogging our Way to Digital Literacies? A Critical View on Blogging in Foreign Language Classrooms. 10plus1: Living Linguistics, 1, pp. 183-196.

The New London Group (1996). A Pedagogy of Multiliteracies: Designing Social Futures. Harvard Educational Review, 66.1, pp. 60-92.

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